2015 aktuell 04/2012

Inhalt:

  1. OECD-Report: Finanzmittel für Entwicklungsländer gesunken
  2. Frühjahrstagung von IWF und Weltbank
  3. Kontroverse um UNCTAD XIII
  4. Wirklichkeit der Entwicklungspolitik 2012
  5. Spekulation mit Nahrungsmitteln stoppen
  6. OECD-Studie „Agricultural Policies for Poverty Reduction“
  7. ONE-Kampagne: In die Zukunft säen
  8. Weltgesundheitstag 2012: Altern und Gesundheit

kurz notiert

1. OECD-Report: Finanzmittel für Entwicklungsländer gesunken

Im Jahr 2011 stellten die 24 Mitglieder des Entwicklungsausschusses der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD-DAC) finanzielle Mittel in Höhe von insgesamt 133,5 Milliarden US-Dollar für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung. Damit ist die staatliche Entwicklungshilfe (ODA) der OECD-Länder um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Der Rückgang ist Ausdruck der angespannten finanziellen Lage vieler DAC-Staaten, erklärte die OECD. „Die Geber haben die ODA-Zahlungen trotz der Krise fast auf dem Rekordniveau von 2010 gehalten“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurrìa. Er rief die DAC-Länder dazu auf, die Mittel weiter aufzustocken, sobald es ihre finanzielle Lage wieder erlaube. Mit 14,5 Milliarden US-Dollar war Deutschland hinter den USA (30,7 Milliarden) im Jahr 2011 der zweitgrößte Netto-Geber weltweit. Die deutsche ODA-Quote erhöhte sich auf 0,4 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE). Im Jahr 2010 hatte sie 0,39 Prozent betragen. Unter den DAC-Ländern haben nur Dänemark, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Schweden, das von den Vereinten Nationen gesetzte 0,7 Prozent-Ziel erreicht. Dagegen sanken in 16 von 23 DAC-Ländern die ODA-Leistungen zum Teil erheblich.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel erklärte: „Die OECD- Zahlen belegen den Erfolg unserer Entwicklungspolitik. Mit 0,4 Prozent haben wir 2011 die höchste ODA-Quote seit der Wiedervereinigung.“ Im Jahr 2009 hatte die deutsche ODA-Quote noch bei 0,35 Prozent gelegen. Seitdem wurden die ODA-Leistungen um fast zwei Milliarden Euro auf nun 10,45 Milliarden Euro erhöht, sagte der Minister.

Oxfam Deutschland kritisierte, dass Deutschland gemessen an der ODA-Quote im europäischen Vergleich weiterhin unteres Mittelmaß sei. „In dem derzeitigen Schneckentempo erreicht die Bundesregierung nie ihr erklärtes Ziel, bis 2015 0,7 Prozent des BNE für Entwicklung auszugeben“, sagte Tobias Hauschild, Experte für Entwicklungsfinanzierung bei Oxfam. Um die 0,7 Prozent-Marke zu erreichen, müssten Deutschlands Entwicklungsausgaben um durchschnittlich drei Milliarden pro Jahr steigen. „Die geplante Finanztransaktionssteuer ist eines der Instrumente, die den benötigten Sprung in der Entwicklungsfinanzierung bringen kann“, so Hauschild.

2. Frühjahrstagung von IWF und Weltbank

Bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, die vom 18. bis 21. April in Washington stattfand, haben sich die Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Staaten darauf verständigt, die Mittel des IWF um 430 Milliarden US-Dollar aufzustocken. Vereinbart wurde außerdem, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer größeren Einfluss auf die Entscheidungen des IWF erhalten sollen, wie es bereits beschlossen, aber bisher noch nicht umgesetzt ist. Diskussionen über ungleiche Mitbestimmungsrechte in den Internationalen Finanzinstitutionen waren zuletzt im Rahmen der Neubesetzung des Postens des Weltbankpräsidenten laut geworden. Entsprechend der traditionellen Führung der Weltbank durch einen Vertreter der USA hat der Exekutivrat der Weltbank am 16. April auch diesmal für den von den USA vorgeschlagenen US-Amerikaner Jim Yong Kim gestimmt. Die Entwicklungsländer hatten mit der nigerianischen Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala und dem früheren kolumbianischen Finanzminister José Antonio Ocampo zwei Gegenkandidaten aufgestellt. Der nun gewählte Mediziner Kim leitet bisher das US-amerikanische Dartmouth College und ist Sohn koreanischer Einwanderer.

Das Abschlussdokument des Entwicklungskomitees von IWF und Weltbank betonte die Bedeutung der Bereiche Nahrungsmittelsicherheit, fragile Staaten und Privatsektor für Entwicklung und die Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele (MDG). Das zivilgesellschaftliche Bretton Woods Project kritisierte, dass das Dokument nicht erkläre, was unter zentralen Begriffen, wie der Hebelung privatwirtschaftlicher Investitionen und „Grünem Wachstum“ zu verstehen ist. Sie bemängelten, dass die Weltbank immer noch keine Energiestrategie verabschiedet hat und eine Überprüfung ihrer Umwelt- und Sozialstandards noch immer aussteht.

Zivilgesellschaftliche Organisationen haben in einem offenen Brief an den neuen Weltbankpräsidenten gefordert, dass dieser sich in seinem neuen Amt für eine stärkere zivilgesellschaftliche Beteiligung und für mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht einsetzen soll. Die anstehende Überprüfung der Umwelt- und Sozialstandards der Weltbank dürfe nicht zu deren Verwässerung führen, außerdem müsse die Gender-Perspektive systematisch in die Arbeit der Weltbank integriert werden und den Themen menschenwürdige Arbeit, soziale Grundsicherung in den Bereichen Bildung und Gesundheit sowie Zugang zu Land ein größerer Stellenwert eingeräumt werden. Die Organisationen fordern von der Weltbank zudem eine nachhaltige Energiestrategie, die auf fossile Energien verzichtet und Infrastrukturinvestitionen, die den Armen zugutekommen.

Organisationen aus 25 Ländern hatten im Vorfeld der Frühjahrstagung vom amtierenden Weltbankpräsidenten Zoellick gefordert, im Rahmen der Überarbeitung ihrer Sozial- und Umweltstandards der Weltbank, Ausmaß und Auswirkungen von Zwangsumsiedlungen zu untersuchen. Bisher kann die Weltbank keine Angaben darüber machen, wie viele Menschen in von ihr finanzierten Projekten von Zwangsumsiedlungen betroffen sind. Es wird von mehr als einer Million Menschen ausgegangen. Zwangsumsiedlungen betreffen zumeist die armen Menschen in den Projektgebieten und schließen den Verlust der Lebensgrundlage und des Zusammenhalts von Gemeinschaften mit ein. „Völlige Verarmung als unbeabsichtigtes Resultat von Entwicklungsprojekten dürfte nicht vor kommen“, äußert Korinna Horta, Menschenrechtsexpertin bei urgewald. „Aber in der Praxis herrschen Missbrauch von Geldern, Einschüchterung der Betroffenen und soziale Ungerechtigkeit bei Zwangsumsiedlungen.“

 

3. Kontroverse um UNCTAD XIII

© UN Photo/Eskinder Debebe

Im Vorfeld der 13. UN-Konferenz für  Handel und Entwicklung (UNCTAD XIII), die vom 21.bis 26. April in Doha/Katar stattfindet, ist zwischen Entwicklungs- und Industrieländern ein Konflikt über das zukünftige Mandat der Organisation entbrannt. Während die Entwicklungsländer (G77) und China das bisherige Aufgabenfeld beibehalten wollen, versuchen westliche Länder wie die USA, Japan, Korea, Australien sowie die EU makroökonomische und finanzmarktrelevante Analysen und Stellungnahmen aus ihrem Mandat zu entfernen. Eine Begrenzung des Mandats würde die Themenfelder Makroökonomie und Finanzmarktpolitik den Internationalen Finanzinstitutionen überlassen. Dort verfügen die Industrieländer über die Stimmenmehrheit, da das Stimmrecht entsprechend der finanziellen Beiträge geregelt ist, während in UN-Organisationen jedes Mitgliedsland über eine Stimme verfügt.

Zivilgesellschaftliche Organisationen wandten sich in einer Stellungnahme entschieden gegen die Bestrebungen der Industriestaaten, das Mandat von UNCTAD zu begrenzen. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise mit ihren katastrophalen Folgen für Menschen und Volkswirtschaften habe die Bedeutung der Arbeit von UNCTAD deutlich gemacht. Während die Internationalen Finanzinstitutionen sich für eine ungezügelte Liberalisierung und Deregulierung von (Finanz-) Märkten eingesetzt hätten, die letztendlich zur Krise geführt haben, hätten die Analysen von UNCTAD immer wieder auf die Gefahren dieser Politik verwiesen. Die Organisationen forderten daher, dass die UNCTAD ihre Arbeit insbesondere zur globalen Finanzkrise und anderer durch die Globalisierung verursachten Entwicklungshindernisse fortführen müsse.

Kerstin Sack vom globalisierungskritischen Netzwerk attac erklärte dazu: "Wir fordern die Verantwortlichen innerhalb der UNCTAD, aber auch die Bundesregierung auf, nicht zuzulassen, dass die UNCTAD ihre wichtigen Aufgaben in Zukunft nicht mehr wahrnehmen kann. Die UNCTAD muss gestärkt, nicht geschwächt werden". Der Konflikt über das Mandat der UNCTAD ist laut attac Ausdruck einer verschärften Auseinandersetzung zwischen dem globalen Süden und dem Norden. "Die so genannten Industriestaaten verlieren immer mehr an ökonomischer und ideologischer Vorherrschaft. Von daher ist es nicht erstaunlich, dass die Länder des Südens eine Demokratisierung der internationalen Institutionen einfordern. Dass die Industrieländer darauf quasi mit Zensur reagieren, ist unglaublich. Wir fordern nicht einen ökonomischen Wettbewerb zwischen Ländern, sondern einen Wettbewerb der Ideen".

Auch die am wenigsten entwickelten Länder (LDC) haben im Vorfeld von UNCTAD XIII in einer gemeinsamen Erklärung die Stärkung der UNCTAD und ihrer Arbeit in den Bereichen Forschung, Technische Zusammenarbeit und internationale Konsensbildung gefordert. In der Erklärung verweisen sie darauf, dass der Anteil der LDC am internationalen Handel noch immer unter einem Prozent liegt und ausländische Direktinvestitionen sich zum Großteil im Bereich der extraktiven Industrien konzentrieren und weder zur Schaffung von Arbeitsplätzen noch zur Armutsreduzierung beigetragen hätten. Mit Wachstumsraten, die weit unter den angestrebten sieben Prozent lägen, sei es den LDC nicht möglich, Fortschritte bei der Umsetzung international vereinbarter Entwicklungsziele, darunter der MDG, zu machen. Falls sich der gegenwärtige Trend fortsetze, werden die Länder einen weiteren Anstieg der absoluten Anzahl armer Menschen verzeichnen. Die LDC fordern daher größere internationale Unterstützung unter anderem durch eine verbesserte Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit und das Einhalten der zugesagten ODA-Leistungen. Von der UNCTAD fordern die LDC, dass sie zu einem neuen internationalen Entwicklungsrahmen beiträgt, das als Nachfolge der MDG von den Bedürfnissen und Interessen der LDC ausgeht. Die UNCTAD müsse außerdem analysieren, welche Faktoren zur Nicht-Erreichung der MDG durch die LDC beitragen.

Die Bundesregierung, die in Doha von der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Anne Ruth Herkes, repräsentiert wird, vertritt im Rahmen von UNCTAD XIII die Positionen der EU. Besondere Priorität für die UNCTAD sollten demnach die Bedürfnisse der LDC genießen. Die Bundesregierung plant bei UNCTAD XIII insbesondere die Bedeutung und die positiven Auswirkungen von unternehmerischer Tätigkeit, wie z. B. Auslandsinvestitionen, für Entwicklung hervorzuheben. Außerdem setzt sie sich bei der UNCTAD XIII gemeinsam mit der EU und anderen westlichen Staaten für Themenbereiche wie gute Regierungsführung, Verankerung des Menschenrechtsansatzes, Effizienz der Entwicklungszusammenarbeit, Verbesserung von Investitionsrahmenbedingungen und Ausbau des Süd-Süd-Handels ein.

4. Wirklichkeit der Entwicklungspolitik 2012

© Welthungerhilfe

Terre des hommes und die Welthungerhilfe werfen der Bundesregierung in ihrem diesjährigen Bericht zur Wirklichkeit der Entwicklungspolitik vor, kein konsistentes entwicklungspolitisches Gesamtkonzept zu verfolgen. Sie sehen dadurch die Gefahr, dass globale Strukturpolitik von Wirtschafts-, Finanz-, Agrar- und Umweltressorts dominiert und gestaltet wird. Die sich weltweit verändernden ökonomischen und politischen Kräfteverhältnisse wirken sich den Hilfswerken zufolge entscheidend auf die Rahmenbedingungen von Entwicklungspolitik aus. Der Busan-Gipfel zur Wirksamkeit der EZ im letzten Jahr und die G-20 Arbeitsgruppe für Entwicklung stünden für einen Paradigmenwechsel im Geberverständnis. In beiden Fällen wurden Länder des globalen Südens verstärkt in die Entscheidungsfindung einbezogen.

Das BMZ-Strategiepapier „Globale Entwicklungspartner“ stellt in diesem Zusammenhang für die Hilfswerke einen begrüßenswerten Ansatz dar, die neuen weltwirtschaftlichen Machtverschiebungen konzeptionell zu berücksichtigen. Es setze aber mit seiner Reduzierung der Partnerländer auf eine Kerngruppe von 50 strategischen Partnern einen falschen Schwerpunkt. Die Hilfswerke bewerten die Entscheidung des BMZ positiv, die Menschenrechte als verbindliches Leitbild der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu etablieren. Sie fordern die Bundesregierung auf, ein kohärentes Entwicklungskonzept zu erstellen und umzusetzen, um den eigenen Ansprüchen, globale Strukturpolitik zu betreiben, nachzukommen.

Für terre des hommes und die Welthungerhilfe stellen die Reorientierung auf die bilaterale EZ und die Stärkung der Entwicklungskooperation mit deutschen Unternehmen Signale in die falsche Richtung dar. Das BMZ gewährt zunehmend auf die ODA anrechenbare Kredite zu Marktkonditionen. Die Höhe dieser zinssubventionierten Kredit-Mischfinanzierungen stieg 2010 um mehr als das Dreifache auf 1.155 Millionen Euro. Kurzfristig führt das zu der Erhöhung der ODA-Quote, jedoch werden die zukünftigen Tilgungen als negative ODA verrechnet.

Die Organisationen fordern von der deutschen Entwicklungspolitik, dass sie rechtebasierte Ansätze stärkt, ein kohärentes Entwicklungskonzept der gesamten Bundesregierung verabschiedet und institutionell verankert sowie die Suche nach alternativen Fortschrittsindikatoren und globalen Entwicklungszielen aktiv unterstützt. Außerdem müsse sie die demokratische Global Governance für Nachhaltigkeit stärken und die Qualität der EZ erhöhen. Dazu gehört es, die Busan-Partnerschaft wirkungsvoll auszugestalten, wie auch die Quantität der EZ zu steigern, indem die ODA-Verpflichtungen ernst genommen werden.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel dementierte, die Ausgaben der Entwicklungszusammenarbeit gekürzt zu haben „trotz Finanzkrise und Konsolidierungskurs konnten wir unseren Etat das dritte Mal in Folge steigern und investieren mehr Mittel in die Entwicklungspolitik als je zuvor“. Ferner verteidigte er seine stärkere Fokussierung auf die bilaterale Zusammenarbeit als sinnvolle Alternative zum bisherigen Gießkannenprinzip.

Die entwicklungspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von Bündnis 90/ Die Grünen und DIE LINKE schlossen sich dagegen dem Forderungskatalog der Hilfswerke im Wesentlichen an. Ute Koczy und Thilo Hoppe (beide MdB/Bündnis 90/Die Grünen) fordern darüber hinaus eine engere Abstimmung mit den Partnern und mehr Eigenverantwortung der Entwicklungsländer. Heike Hänsel (MdB/ DIE LINKE) wirft der Bundesregierung vor, die deutsche Entwicklungspolitik immer offener für wirtschaftliche und militärische Ziele zu instrumentalisieren.

5. Spekulation mit Nahrungsmitteln stoppen

© flickr/uncorneredmarket

Ein Bündnis aus entwicklungspolitischen NRO und Kampagnenorganisationen hat die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert, um der Spekulation mit Nahrungsmitteln einen Riegel vorzuschieben. Die Protestaktion „Mit Essen spielt man nicht!“ richtet sich an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der dazu beitragen soll, die Geschäfte mit dem Hunger zu stoppen. „Die Spekulation mit Agrarrohstoffen an den Finanzmärkten ist mitverantwortlich für extreme Preisschwankungen und -anstiege bei Nahrungsmitteln und trägt so zu globalen Hungerkrisen bei“, sagte Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland. „Die Folgen der zunehmenden Spekulation treffen vor allem die Ärmsten.“

Nach Angaben der Weltbank sind als Folge der Preisexplosion bei Nahrungsmitteln im zweiten Halbjahr 2010 zusätzlich 44 Millionen Menschen verarmt und leiden an Unterernährung. Das NRO-Bündnis fordert Finanzminister Schäuble dazu auf, gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln vorzugehen und sich für eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte einzusetzen. Mehr Transparenz an den Rohstoffbörsen müsse zum Beispiel durch strengere Berichtspflichten durchgesetzt werden; Investmentfonds sollten komplett von den Agrarrohstoffbörsen verbannt werden; der Terminhandel mit Nahrungsmitteln müsse strikt beschränkt werden und wirksame Kontrollen durch starke Aufsichtsbehörden, die auch präventiv eingreifen können, gesichert sein.

„Die Zeit drängt“, sagte Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe. „Wenn die Getreidespeicher leer sind, dann müssen verarmte Länder zu astronomischen Summen Nahrungsmittel auf den Weltmärkten zukaufen. Weitere Millionen werden in den Hunger getrieben“, so Jamann. Das Bündnis, das von Oxfam Deutschland, der Welthungerhilfe, Misereor, Attac, Campact, WEED und dem Südwind-Institut getragen wird, sammelt online und offline Unterschriften, die im Herbst 2012 in einer symbolischen Aktion Bundesfinanzminister Schäuble übergeben werden sollen.

6. OECD-Studie „Agricultural Policies for Poverty Reduction“

© UN Photo/Kibae Park

Zweidrittel aller armen Menschen leben in ländlichen Gebieten und betätigen sich in der Landwirtschaft. Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Sektors steht daher im Mittelpunkt der Studie „Agricultural Policies for Poverty Reduction“, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im März veröffentlicht hat. Die Autorinnen und Autoren untersuchen darin, mit welchen strategischen Ansätzen Agrarpolitiken zur Erhöhung von Einkommen in Entwicklungsländern führen können und erarbeiten politische Empfehlungen für die jeweiligen länderspezifischen Voraussetzungen.

Langfristige Politikansätze sollten sich demnach an der Eliminierung von Marktversagen und der Bereitstellung von öffentlichen Gütern ausrichten. Für agrarisch geprägte Volkswirtschaften bedeutet dies konkret den Ausbau des Straßennetzes in ländlichen Gebieten, verstärkte Forschung im Agrarbereich, intensivierten Technologietransfer und die Ausweitung von Beratungsleistungen. Erfolg versprechend schätzt die Studie darüber hinaus bildungs- und gesundheitsfördernde Maßnahmen ein. Aber auch übergeordnete Faktoren, wie Klimawandel, makroökonomische Stabilität, Eigentumsrechte, institutionelle Rahmenbedingungen und Regierungsführung nehmen Einfluss auf die Erfolge von ländlicher Entwicklung und müssen politisch bearbeitet werden.

Kurzfristig stellten Maßnahmen, die in den Markt eingreifen, wie Stützpreise, Preisstabilisierungen und Subventionen einen einfachen Hebel für Regierungen dar, wirken aber häufig ineffizient und sollten der Studie zufolge nur vereinzelt eingesetzt werden.

7. ONE-Kampagne: In die Zukunft säen

© flickr/UNDP

Mehr als eine Milliarde Menschen, ein Fünftel der Weltbevölkerung, lebt von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Nach einer Analyse der Lobby-Organisation ONE könnten die acht reichsten Industrienationen (G8) dazu beitragen, 50 Millionen Menschen aus extremer Armut zu befreien und 15 Millionen Kinder vor den tragischen Folgen von Mangelernährung zu bewahren. Dazu müssten sie gezielt 30 der ärmsten Länder der Welt im Bereich Ernährung und ländliche Entwicklung unterstützen. Nach der Analyse von ONE haben diese ausgewählten 30 Länder bereits nachgeprüfte und durchgerechnete nationale Strategien für bessere Ernährung und ländliche Entwicklung ausgearbeitet. Bis 2015 fehlten zur Umsetzung dieser Pläne allerdings 27 Milliarden US-Dollar.

Ein Pakt für qualitative Ernährungssicherheit sollte nach Ansicht von ONE die folgenden vier Punkte beinhalten: Eine neue G8-Initiative, die auf der „L´Aquila Food Security Initiative“ aufbaut, die beim G8-Gipfel im Jahr 2009 vereinbart wurde und die in diesem Jahr ausläuft. Diese Initiative sollte sich klare Ziele zur Finanzierung ländereigener Strategien setzen, um 50 Millionen Menschen aus extremer Armut zu befreien und 15 Millionen Kinder vor den Folgen von Mangelernährung zu schützen. Die afrikanischen Regierungen sollten ihre Zusage aus dem Jahr 2003, mindestens zehn Prozent ihrer nationalen Haushalte in den landwirtschaftlichen Sektor zu investieren, erneuern und einhalten. Der Privatsektor soll zu nachhaltigen Investitionen in den landwirtschaftlichen Sektor angeregt werden. Schließlich müssen Maßnahmen zur Eindämmung der Volatilität auf den Agrarrohstoffmärkten ergriffen werden.

ONE ruft daher die Regierungen in Afrika, die Regierungen der Geberstaaten und den Privatsektor dazu auf, einen Plan mit Schwerpunkt auf 30 der ärmsten Länder, 21 davon in Sub-Sahara Afrika, zu vereinbaren. Die drei Millionen Unterstützer von ONE sollen zu diesem Zweck eine entsprechende Petition unterzeichnen, der sich jeder anschließen kann. Die Petition bildet den Auftakt der Kampagne „In die Zukunft säen“, mit der die Organisation weltweit auf die Gründe des Welthungers aufmerksam machen und den Teufelskreis von Hunger und Armut durchbrechen will.

8. Weltgesundheitstag 2012: Altern und Gesundheit

© flickr/SaraKoopai

Weltweit steigt das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung kontinuierlich, sodass sich wahrscheinlich die Zahl der über 60-jährigen Menschen bis 2050 gegenüber 2000 verdreifachen wird. Jedoch leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu viele alte Menschen unter schlechter Gesundheit, gesellschaftlicher Isolation und Armut. Der Weltgesundheitstag am 7. April widmete sich deshalb in diesem Jahr dem Thema „Altern und Gesundheit“. Das Rollenverständnis und die Gestaltungsmöglichkeiten älterer Menschen haben sich der WHO zufolge in den vergangenen Jahrhunderten grundlegend geändert. Weltweit wächst die Zahl der Menschen, die im hohen Alter noch arbeiten müssen. Ein Großteil älterer Menschen geht einem ehrenamtlichen Engagement nach und unterstützt die Familie.

Mit steigender Lebenserwartung treten immer häufiger chronische und sogenannte Zivilisationskrankheiten auf. Margaret Chan, Generaldirektorin der WHO, unterstreicht die erschwerten Lebensbedingungen älterer Menschen in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen. Ihr Risiko chronisch zu erkranken ist viermal so hoch, als bei Menschen, die in Ländern mit höheren Einkommen, leben.

Nach Angaben von HelpAge Deutschland haben ältere Menschen weniger Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten als jüngere, sodass 60 Prozent aller Todesfälle auf chronische Krankheiten zurückzuführen sind. Die prekäre Situation wird dadurch verschärft, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer innerhalb einer Generation die Gesundheits- und Sozialsysteme den demographischen und sozialen Veränderungen anpassen müssen.

Der Staatssekretär im BMZ, Hans-Jürgen Beerfeltz, erklärte dazu, dass Systeme der sozialen Sicherung für eine nachhaltige Entwicklung in den Entwicklungs- und Schwellenländern unabdingbar sind. Einige Länder zeigen zum Beispiel mit Versicherungslösungen eine hohe Innovationsbereitschaft. Er weist weiter darauf hin, dass der demografische Wandel auch viele Kooperationsländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit betrifft. Im Jahr 2050 werden weltweit voraussichtlich mehr als zwei Milliarden Menschen 60 Jahre und älter sein. Mehr als 80 Prozent davon werden in heutigen Entwicklungs- und Schwellenländern leben. Auf der einen Seite ist dies ein positives, sichtbares Zeichen für verbesserte Gesundheitsversorgung, andererseits wird die Alterung ihrer Gesellschaften viele Länder vor neue Herausforderungen stellen. Dies betrifft sowohl die Absicherung vor Altersarmut als auch die stärkere Ausrichtung der Gesundheitssysteme auf die Bedarfe älterer Menschen.

Anlässlich des Weltgesundheitstages hat World Vision den Bericht „Der beste Start ins Leben: die ersten 1.000 Tage entscheiden“ veröffentlicht. Der Bericht wertet die ersten 1.000 Tage eines Kindes als das wichtigste Lebenskapitel unter gesundheitlichen Gesichtspunkten. Nach Berechnungen der Weltbank könnten mit jährlich rund 11,8 Milliarden US-Dollar eine Million Kleinkinder gerettet und Wachstumsverzögerungen bei 150 Millionen Kindern verhindert werden. Marwin Meier, Gesundheitsexperte bei World Vision, fordert aus diesem Grund mehr politischen Willen, um diese Mittel (klein-) kindgerecht einsetzen zu können.

Kurz notiert

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) will mit seiner neuen Onlineplattform Kritischer Konsum durch Hintergrundinformationen und Aufklärung Konsumentinnen und Konsumenten zu bewusstem Einkaufsverhalten bewegen. Zahlreiche Fakten zu übergeordneten Themen wie Welthandel, Rohstoffe oder Finanzmärkte erklären die Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens in einem globalen Zusammenhang. Darüber hinaus zeigt der BDKJ Aktionsideen zu eigenem Engagement auf.

Die diesjährigen Aktionswochen der Globalen Bildungskampagne rückt die frühkindliche Bildung in den Fokus. Vom 22. April bis zum 10. Juni 2012 sind Schülerinnen und Schüler unter dem Motto „Weltklasse! An die Stifte fertig los!“ aufgerufen, das Thema frühkindliche Förderung malerisch oder gestalterisch zu interpretieren. Diese Bilder sollen dann an die jeweiligen Bundestagsabgeordneten geschickt werden, um die politische Aufmerksamkeit für gute Bildung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren zu erhöhen.

Das neue VENRO-Jahrbuch „Globales Lernen“ widmet sich den modernen Herausforderungen allgemeiner aber auch schulischer Bildungsarbeit. Die verschiedenen Beiträge des Jahrbuchs zeigen konzeptionelle und praktische Beispiele, wie Instrumente zur Wirkungsmessung in der Praxis bereits wirksam eingesetzt werden und die Qualität des Globalen Lernens verbessert werden können. Ergänzt wird das Buch durch eine Bestandsaufnahme des Globalen Lernens in Deutschland und in den einzelnen Bundesländern.